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Barfußärzte

Als Barfußärzte (赤脚医生, chìjiǎo yīshēng) werden in China eine Ärzte mit medizinischen Grundkenntnissen bezeichnet, die aufs Land geschickt werden, um den dortigen Ärztemangel auszugleichen. Barfußärzte wurden in der Regel in Sechsmonatskursen ausgebildet. Das Durchschnittsalter der Ärzte soll bei 20 Jahren liegen. Die Kenntnisse wurden in regelmäßigen Abständen (idealiter) vertieft.

In den 1930er Jahren hatte die Bewegung des Ländlichen Wiederaufbaus (乡村建设运动) – angeregt von Y.C. James Yen und Liang Shuming – bereits mit Programmen experimentiert, in deren Rahmen Sanitäter für den ländlichen Raum ausgebildet wurden. In den Jahren nach 1949 fanden ähnliche Versuche auf Provinzebene statt, aber erst die Rede von Mao Zedong zum Gesundheitswesen 1965 brachte den landesweiten Durchbruch für die Entwicklung und Institutionalisierung von Barfußärzten. Ihre Bezeichnung wurde zum erstenmal in der Kommune Jiangzhen, in einem Vorort von Shanghai, verwendet, weil die Ärzte zusammen mit den Bauern barfuß in den Reisfeldern arbeiteten.

1965 verkündete Mao nach einem Gespräch mit medizinischen Personal in seiner Weisung vom 26. Juni, daß die medizinische Versorgung nicht allein der städtischen Bevölkerung zur Verfügung zu stehen habe:

„Man muß dem Ministerium für Gesundheitswesen mitteilen, daß seine Arbeit nur 15 Prozent der Bevölkerung des Landes dient; von diesen 15 Prozent aber sind auch diemeisten nur hohe Herrschaften. Die breiten Massen der Bauern haben keine Gelegenheit, in ärztliche Behandlung zu kommen... Die medizinische Ausbildung muß reformiert werden, man braucht im Grunde nicht so viel zu studieren. Wieviel Jahre hatte Hua Tuo studiert? Wieviel Jahre hatte Li Shizen in der Ming-Dynastie studiert? Für eine medizinische Ausbildung braucht man keine Absolventen der Mittelschul-Oberstufe oder der Mittelschul-Unterstufe aufzunehmen; wenn sie die Oberstufe der Grundschule absolviert haben und dann drei Jahre studieren, genügt das. Das Wichtigste ist, daß sie in der Praxis lernen und ihr Niveau heben. Wenn man solche Ärzte aufs Land schickt, gelten zwar ihre Fertigkeiten nicht als groß, aber sie sind doch besser als die Ärzte, die die Leute hinters Licht führen, oder besser als Quacksalber;... Verlegt den Schwerpunkt der medizinischen Behandlung und des Gesundheitswesen auf das Land!“ (Helmut Martin (1982): Mao Zedong – Texte (6. Band, 1965-76, Teil 1). München: Carl Hanser Verlag, S. 75-77).

Schwerpunktmäßig in traditioneller chinesischer Medizin ausgebildet, waren diese Barfußärzte in der Lage, die medizinische Grundversorgung auf dem Land sicherzustellen:

„Alle von ihnen können etwa hundert Medikamente verschreiben, Diagnosen stellen und ungefähr hundert, in den Bezirken auf dem Lande allgemein vorkommende oder auftretende gewöhnliche Leiden heilen. Sie können an mehr als hundert Stellen des menschlichen Körpers Akupunktur vornehmen. Sie können so gewöhnliche, aber in den ländlichen Bezirken häufig ernsthafte Krankheiten wie Masern, Lungenentzündung und Rippenfellentzündung heilen.“ (Peking Rundschau 31/1968)

Bis dato sind zahlreiche Handbücher für Barfußärzte ins Englische übersetzt worden (vgl. die Bibliographie). In der Forschung ist allerdings noch ungeklärt, nach welchen Kriterien die Auswahl des zukünftigen medizinischen Personals vorgenommen wurde, in welchen Institutionen die Ausbildung stattfand, und wie weit politische Überlegungen hier eine Rolle spielten (Ausnahmen sind Huang Yu-Hsiang 1978 und Ximen Lusha 1981). Mit den zahlreichen Zeitschriften und Quellen zur medizinischen Versorgung in der Sammlung lassen sich diese Fragen näher beleuchten.


Primärliteratur in der Sammlung (Auswahl)

Jichu yixue wenda – chijiao yisheng cankao congshu [基础医学问答 – 赤脚医生参考丛书] (1975). Renmin weisheng chubanshe.

Deng Tietao [邓铁涛] (1982): Zhongyi jichu lilun – xiangcun yisheng kaohe zixue congshu [中医基础理论 – 乡村医生考核自学丛书]. Guangdong keji chubanshe.

反击卫生战线的右倾翻案风, hg. von赤脚医生、医务人员和革命干部声讨、批判邓小平罪行专, 1976, Beijing: Renmin weisheng chubanshe.

赤脚医生教材, hg. von 吉林医科大学 bzw. 上海市川沙县江镇公社卫生院, 1977, Beijing: Renmin weisheng chubanshe.

赤脚医生先进事迹汇编, hg. von人民卫生出版社编辑, 1974, Beijing.

(noch zu ergänzen um Zeitschriften)


Sekundärliteratur

A barefoot doctor's manual: practical Chinese medicine and health: a blending of modern Western and traditional Chinese medicine, including acupuncture, massage, and herbal remedies (1985). New York: Gramercy (Repring von 1974).

A barefoot doctor's manual: the American translation of the official Chinese paramedical manual (1990): Philadelphia, Pa.: Running.

Chin, Hsiang-Kuan (1976): A barefoot doctor describes his work, in: China Reconstructs (Peking) 25, no. 2, S. 7-13.

Fang, Xiaoping (2008): From union clinics to barefoot doctors: healers, medical pluralism, and state medicine in Chinese villages, 1950-1970, in: Journal of Modern Chinese History Vol. 2, Nr. 2, S. 221-237.

Huang, Yu-Hsiang (1978): The training of barefoot doctors, in: Hetzel, Basil S. (hg.): Basic health care in developing countries: an epidemiological perspective. New York: Oxford U. Press, S. 128-136.

Pickowicz, Paul G. (1973): Barefoot doctors in China: people, politics, and paramedicine, in: Risse, Guenter B. (Hg.): Modern China and traditional Chinese medicine: a symposium held at the University of Wisconsin, Madison. Springfield, Ill.: Charles C. Thomas, S. 124-146.

Revolutionary Health Committee of Hunan Province (1977): A Barefoot Doctor`s Manual (赤腳醫生手冊). London:  Routledge & Kegan Paul.

Rosenthal, Marilynn M.; Greiner, Jay R. (1982): The barefoot doctors of China: from political creation to professionalization, in: Human Organization (New York) 41, no.4, S. 330-341.

Weishengting (1975): Acupuncture and moxibustion: a handbook for the barefoot doctors of China (übersetzt von Silverstein, Martin Elliot; Chang, I-Lok; Macon, Nathaniel). New York: Schocken Books.

Ximen, Lusha (1981): How barefoot doctors are trained, in: China Reconstructs (Peking) Vol. 30, Nr.9, S. 21-23.

Sivin, Nathan (1987): Traditional medicine in contemporary China: a partial translation of Revised outline of Chinese medicine (1972) with an introductory study on change in present-day and early medicine. Ann Arbor: Center for Chinese Studies, University of Michigan.